Erklärung zum Tag des offenen Denkmals 2008

Neustrelitz, d. 11.09.2008


Zentral prämiert – regional riskiert?

Denkmalpflege heute ist untrennbar verbunden mit dem Ziel der Stadterneuerung: Bewahrung und Revitalisierung des in seiner Struktur und Funktion bedrohten historischen Neustrelitzer Stadtkernes.

Gerade deshalb verkennen wir bei allem Primat der historischen und ästhetischen Aspekte nicht die wirtschaftliche Bedeutung unserer Denkmale vor allem in zwei Richtungen: indirekt durch die Umwegrentabilität als Ziel für einen wachsenden Kulturtourismus und direkt als Beschäftigungspotenzial für die mit ihrer Erhaltung und Restaurierung befassten Arbeitskräfte.

Wie anders wären die in Millionen zu rechnenden Aufwendungen dafür denn zu rechtfertigen, wenn sie sich nicht schon heute und morgen in wachsendem, zumindest aber zu erhaltendem Wohlstand auch unserer Bürger niederschlagen würden.

Wir sind dabei auf gar keinem schlechten Weg – was Andere noch als schwer zu lösende Aufgabe vor sich sehen, nämlich diesen Kulturtourismus in ihren Regionen zu organisieren, ist u.a. mit den Schlossgartenfestspielen in unserer Stadt seit nunmehr acht Jahren erfolgreiche Realität. Gerade hat die Sparkasse Mecklenburg-Strelitz festgestellt, dass jährlich im Festspielzeitraum in unserer Region über die erhobenen Eintrittsgelder hinaus mehr als eine Million Euro Umsatz erzielt wird, von der Bedeutung für den Erhalt des Theaterstandortes Neustrelitz ganz zu schweigen. Übrigens sind die Schlossgartenfestspiele einer der jüngsten Preisträger der unter Schirmherrschaft des Bundespräsidenten stehenden Initiative ‚Deutschland – Land der Ideen’, beinhaltend „...in allen Lebensbereichen Mut, Kreativität und Lust auf Neues, ohne Altes auszugrenzen...“, so der Bundespräsident.

Um so befremdlicher erscheinen uns die gegenwärtigen Tendenzen, etwas Bewährtes in Frage zu stellen, ohne in der Lage zu sein, qualitativ adäquate Alternativen materiell sichern zu können oder zu wollen.

Gerade als Denkmalverein können wir es uns natürlich gut vorstellen, wenn die Besucher der Schlossgartenfestspiele vor und nach dem Genuss des musikalischen Erbes (den Operetten-Aufführungen) die Mittelachse des Schlossgartens in ihrer vollen Pracht erleben würden.
Dies setzt aber voraus, die Einmaligkeit des jetzigen Spielorts und „Zuschauerraumes“ in einem anderen Schlossgartenbereich mit großem Investitionsaufwand und in Zusammenarbeit aller Beteiligten in Land, Kreis, Stadt und privater Wirtschaft neu zu schaffen. In dieser Hinsicht geben uns jedoch weder die Erfahrungen der vergangenen Jahre noch die aktuellen Äußerungen von Kommunalpolitikern Anlass, zu hoffen.

Erinnert sei nur an die brüske Zurückweisung des jüngsten Kooperationsangebots unseres Kultusministers in dieser Angelegenheit.

Ziel der Tätigkeit des Residenzschlossvereins bleibt es, sich für die authentische Erhaltung und wenn erforderlich originalgetreue Wiederherstellung unseres Denkmalbestandes einzusetzen.
Dazu gehört, dass der Schlossgarten und die gesamte Schlossanlage erhalten bleiben, also als ein Denkmalbereich gepflegt und genutzt werden bei gleichzeitiger Gewährleistung der Wirtschaftlichkeit. „Denkmale an sich“ darf es nicht geben.

So bleibt es unsere Forderung, die verschlissene Springbrunnenanlage im Schlossgarten unverzüglich und vor allen anderen Gestaltungs- und Pflanzmaßnahmen zu sanieren. Dies hat nun mit den Festspielen überhaupt nichts zu tun, außer dass wir uns Jahr für Jahr vor den über Dreißigtausend Festspielbesuchern für die Vernachlässigung von Eigentümerpflichten schämen müssen. Eine Forderung übrigens, die auch von den Mitgliedern weiterer neun Neustrelitzer Vereine an unsere Landesregierung herangetragen wurde, ohne dass wir dort Gehör fanden!

Dazu gehört aber auch ein denkmalgerechter Umgang mit der gesamten Anlage einschließlich der baulichen Reste des Residenzschlosses (Gründungen und Fußböden) – technische Möglichkeiten, sie vor einem weiteren Verfall zu schützen und zur Erhöhung der Attraktivität des Urlaubsparadieses Mecklenburg-Strelitz allen zugänglich zu machen, sind längst vorhanden.

Was jedoch die gesellschaftliche Nutzung der Denkmale betrifft, so haben unserer Ansicht nach die Erfahrungen der letzten Jahre zur Genüge gezeigt, wo unserem materiellen Erbe der größte Schaden droht: nicht durch wie auch immer geartete Nutzung, sondern durch Leerstand und Abriss!

Selbstverständlich müssen die Möglichkeiten und Rahmenbedingungen der Nutzung für die Schlossgartenfestspiele eingehend und unvoreingenommen gemeinsam mit Fachleuten untersucht und bestimmt werden. Die zeitlich begrenzt notwendigen Baulichkeiten dürfen die Oberfläche weitgehend nicht belasten.
Die Flächennutzung ist auf ein Minimum und in stärkerem Maße zeitlich differenziert zu begrenzen. Eine monatelange Sperrung eines ganzen Bereiches, von Zufahrt-Straßen und Parkflächen sowie Aufrechterhaltung von Geschwindigkeitsbeschränkungen ist völlig unnötig.

Die Herstellung der Verträglichkeit der Schlossgartenfestspiel-Nutzung mit den Denkmal-Anforderungen auf der Grundlage des heutigen Standes der Bautechnik bedarf sicher eines Mehr-Aufwandes, der jedoch im Vergleich mit der Schaffung eines Gebäudes auf dem Schlossberg eher gering sein dürfte. Deshalb fordern wir von allen Verantwortlichen, vor allem vom Eigentümer eine Abkehr von den entwicklungshemmenden Animositäten und Aversionen. Nur gemeinsames Handeln im Interesse der Stärkung des Wirtschaftsstandortes Neustrelitz kann im Interesse aller Beteiligten, auch der gesamten Landesregierung, liegen.

„Vergessen wir nicht die identitätsstiftende Funktion von Denkmalen: Die Denkmalpflege muss sich auf die Emotionen der Bevölkerung einlassen“, schlussfolgerte Christoph Mäckler bereits 2002 auf der Tagung der Landesdenkmalpfleger in Wiesbaden.


Jürgen Haase
Vereinsvorsitzender