Offener Brief an den Bürgermeister zur Schlossberg-Gestaltung 2009

Neustrelitz, d. 4. April 2009


Sehr geehrter Herr Grund,

am vorgestrigen Abend trafen sich die Mitglieder des Residenzschlossvereins, um sich u.a. über die Vorhaben des Landes zur weiteren Planung der Schlossberg-Gestaltung zu verständigen.
Leider ist die notwendige öffentliche Diskussion darüber nach hoffnungsvollen Ansätzen vor etlichen Jahren zwischendurch völlig zum Erliegen gekommen, so dass wir Bürger nun erst wieder „5 vor 12“ davon erfahren.
Unser Mitglied Prof. Dr.-Ing. Helmut Böhme hatte seinerzeit dazu ein Vorschlagspapier erarbeitet, dass wir Ihnen zur Erinnerung nochmals beilegen.

Unvermeidlicherweise kamen wir bei dieser Thematik auf unsere Neustrelitzer Schlossgartenfestspiele, wozu uns in den letzten Tagen aus der Presse alarmierende Nachrichten erreichten.
Kurz gefasst dazu nochmals die Haltung der Mitglieder des Residenzschlossvereins: Das Freimachen der Mittelachse von einer derart intensiven Nutzung wie durch die Schlossgartenfestspiele ist wünschenswert.
Keinesfalls jedoch darf es zu einer Gefährdung der Schlossgartenfestspiele kommen. Sie sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und als größte Operettenfestspiele Deutschlands vielleicht das einzige wirkliche touristische Alleinstellungsmerkmal unserer Stadt.
Wir alle wissen, dass als Alternativstandort natürlich der Schlossberg selbst in Frage kommt. Im Verein sind wir uns jedoch einig, dass eine einfache Standortverlagerung mit den Mitteln, wie sie dem Veranstalter erfahrungsgemäß zur Verfügung stehen, nicht hinnehmbar ist. Nur auf drei Gründe soll hier wiederholt hingewiesen werden:

  • erstens auf die Verschandelung weitreichender Blickbeziehungen durch einen einfachen Aufbau der bisher verwendeten Zuschauer-Tribüne,
  • zweitens auf die für die Zuschauer ungünstigen Windverhältnisse bei einer ungeschützten Konstruktion und
  • drittens auf den ästhetische Verlust des natürlichen „Zuschauerraumes“ mit dem ansteigenden Schlossberg als Bühne (der für viele Besucher mindestens 50% des Erlebnisses ausmacht).

Klar ist also, dass erhebliche Mittel aufgewendet werden müssten, um eine Standortveränderung auch nur vorzubereiten. Dagegen ist uns Vereinsmitgliedern nicht klar, woher diese Mittel in der gegenwärtigen angespannten ökonomischen Weltsituation kommen sollen, zumal bekannt wurde, dass nicht einmal der Versuch unternommen wurde, in Aussicht gestellte Mittel aus dem Konjunkturprogramm des Bundes dafür einzuwerben (die Information über die vorgesehene denkmalgerechte Umgestaltung des Orangerie-Vorplatzes hat - so wünschenswert auch diese irgend wann einmal ist - nur Kopfschütteln hervorgerufen: „haben wir wirklich keine anderen Probleme?“).

Als völlig inakzeptabel wurde durch die Vereinsmitglieder eine absehbare Entwicklung kritisiert, die darauf hinausläuft, ein erfolgreich mit der Kraft vieler Neustrelitzer eingeführtes Produkt, wie die Schlossgartenfestspiele, die neben der

  • Funktion als touristisches Alleinstellungsmerkmal für die Stadt sowohl
  • ein wesentliches Standbein für die weiteres Existenz unseres Theaters als Ensembletheater, als auch
  • ein unmittelbarer Wirtschaftsfaktor mit mindestens zwei Millionen EUR gesicherten Umsatzes (inklusive ca. 250 TEUR Umsatzsteuer und um die 500 TEUR selbst erwirtschafteter Löhne) und
  • ein nicht zu ersetzender Werbefaktor für unsere Stadt sind,

einfach so einer anderen Kommune quasi als Geschenk zur 200. Todestag der Königin Luise zu überlassen – die Schildbürger hätten es nicht besser gekonnt! Es darf doch nicht permanent außer acht gelassen werden, dass Neustrelitz nun einmal keine Industrie hat und auch keine nennenswerten Ansiedlungen in dieser Richtung erfolgten, so dass wir Bürger außer von Verwaltung und Verteilung eben wesentlich vom Tourismus leben müssen. Wie groß wird doch in diesem Bereich das Bemühen um saisonverlängernde Maßnahmen geschrieben - hier würden wir die viel wichtigeren und wesentlich leichter zu gewinnenden Saisonbesucher Anderen in die Arme treiben!

Wir fordern Sie daher auf, Ihre ganze Kraft dafür einzusetzen, eine solche für die wirtschaftliche Stabilität unserer Stadt katastrophale Entwicklung, mit der eine weitere Erniedrigung und Entwürdigung der Bürger durch verstärkte Abhängigkeit von Sozialleistungen einhergehen würde, zu verhindern.

Dabei können Sie auf unsere uneingeschränkte Unterstützung zählen. Diese basiert auch darauf, dass die durch die Denkmalbehörden artikulierten Forderungen nicht hundertprozentig der heute anerkannten Umgehensweise mit Denkmalen entspricht (an den Umgang von Politik und Denkmalpflege mit unseren im Ergebnis der Stadtsanierung zerstörten Denkmalen von hohem Rang ‚Gartenrondell in der Marktmitte’ [F.W.Buttels einziger öffentlicher Gartengestaltung] und ‚Gaswerk’ [einem unserer wenigen Industriedenkmale von höchstem ästhetischen Wert] bräuchten wir eigentlich nicht zu erinnern, tun dies aber - auch weil wir zu unserem diesbezüglich gegebenen Wort stehen). So fordern selbst hochrangige Vertreter des ICOMOS „das Event als notwendiges Mittel, um eine solche Anzahl vom Steuerzahlern an unsere Parks und Gärten heranzuführen, die den Einsatz von Millionen Euro Steuergeldern zum Erhalt und zur Pflege dieser Denkmale überhaupt erst rechtfertigen“.

Wir sind darüber hinaus sicher, dass Sie unabhängig von auch in Neustrelitz existierender Gegnerschaft gegenüber den Schlossgartenfestspielen (eben nicht bei jedem hängt der Erwerb des Lebensunterhalts von eigenem wirtschaftlichem Erfolg ab) dabei ebenfalls auf die Unterstützung der überwiegenden Mehrheit der Neustrelitzer Bevölkerung zählen können – vor allem, wenn einmal Offenheit darüber praktiziert würde, mit wie wenig jährlicher Förderung hier eine immense wirtschaftliche Basis gesichert werden kann. (Die kleine jährliche kommunale Fördersumme für die Schlossgartenfestspiele ist in der Vergangenheit durch die Stadt auch schon einmal für nur eine einzige Veranstaltung ausgegeben worden.)


Jürgen Haase
Vereinsvorsitzender