12 Thesen des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz

“ ... wer Erinnerung auslöscht, der will immer die Menschen manipulieren. “


1. Denkmalpflege ist täglich wirksame Kulturpolitik.

Die Erhaltung, Pflege und behutsame Erneuerung von Kulturdenkmalen ist eine Aufgabe der Gesellschafts und Kulturpolitik von hohem Rang. Sie bedarf der täglichen Argumentation auch in der Politik auf allen Ebenen, im Grundsätzlichen wie in den Einzelentscheidungen vor Ort, also am Brennpunkt des Geschehens. Die Baudenkmale sind unserer Generation nur auf Zeit überantwortet.
Daraus erwächst eine große Verpflichtung gegenüber künftigen Generationen, die unser heutiges Handeln kritisch befragen werden. Denn bei Denkmalschutz und Denkmalpflege zeigen sich die Folgen von aktiver Pflege, aber auch die fatalen Konsequenzen von Vernachlässigung und Behinderung sofort. Es sei jedem klar: Eine Fehlentscheidung gilt auf diesem Gebiet für immer. Sie ist nie widerrufbar oder heilbar. Ein Ausweichen oder Ablenken gibt es nicht. Und sogenannte ”Ausgleichsmaßnahmen” wie beim Natur oder Umweltschutz gibt es schon gar nicht! Was einmal zerstört ist, kann niemand wiederherstellen, und sei es mit noch soviel Geld.

Also gilt es, das zu bewahren, was vorhanden ist, solange es durch seine Existenz auf sich aufmerksam macht. So muß es jede Generation immer wieder von neuem lernen, daß die Vergangenheit und ihre Zeugnisse eine Dimension der Gegenwart und ein Prüfstein für die Zukunft sind. ”Das architektonische Erbe ist ein unersetzlicher Ausdruck des Reichtums und der Vielfalt der europäischen Kultur, es ist das gemeinsame Erbe aller Völker. Alle Staaten Europas müssen in seiner Erhaltung zusammenstehen” (Europäische Denkmalschutz-Charta, 26.September 1975).


2. Denkmalpflege erhält die kulturelle Infrastruktur.

Der Begriff “Kultur” von lateinisch “colere” = pflegen war zu Anfang mit der Pflege des Bodens verbunden. Kultur ist Veredelung, Verwandlung des Natürlichen zu etwas Besserem. Denkmalpflege ist dabei in einem umfassenden Kulturbegriff zu verstehen. Denn erfolgreiche Denkmalpflege ist Basis, ja Voraussetzung einer jeglichen Kulturpolitik. Die meisten Kulturangebote kann man annehmen oder auch nicht. Eine Theateraufführung z.B. oder ein Konzert kann man meiden. Ein Museum muß man nicht besuchen. Ein Baudenkmal aber ist mehr als nur ein Angebot, es ist stets auch eine Herausforderung. Seiner Existenz kann sich niemand entziehen, sei es als Eigentümer, Bewohner oder Besucher eines Hauses, sei es als Käufer oder Verkäufer, Architekt oder Planer, Makler oder Finanzier. Baudenkmale zwingen zur Stellungnahme, sie prägen immer.
So bleibt alle veranstaltete Kultur meist nur Ereignis, eine Blüte in einem Gebinde, dem die Denkmalpflege erst das Gefäß der Wirkungsmöglichkeit gibt. Denkmalpflege bedeutet die bewohnte Umwelt als kulturelles Umfeld. Kulturgut ist nicht einfaches Nutzgut. Es gilt also, den übergeordneten Nutzen des Kulturgutes zu erkennen. Bei Kriegen und Konflikten z.B. fällt diese Basis der Kultur oft als erstes der Barbarei zum Opfer. Eine solche Selbstverstümmelung hat Europa in diesem Jahrhundert bereits zweimal erlebt, und es sieht dies in unseren Tagen mit Schrecken wieder. Denkmalpflege aber soll die Eigenständigkeit der verschiedenen Kulturen in Europa starken, sie vor der Vermarktung und vor der Verallgemeinerung bewahren. Mit diesem Bekenntnis zur Vielfalt von Kulturen in Europa beginnt der Art. 128 des Vertrags über die Europäische Union: “Die Gemeinschaft leistet einen Beitrag zur Entfaltung der Kulturen der Mitgliedsstaaten unter Wahrung ihrer nationalen und regionalen Vielfalt sowie gleichzeitiger Hervorhebung des gemeinsamen kulturellen Erbes.”


3. Denkmalpflege erhält Lebenszusammenhänge.

Denkmalpflege ermöglicht den Bürgerinnen und Bürgern eine hohe Identifikation mit ihrer Umgebung, mit ihrem Quartier, mit ihrem Stadtteil. Sie erhält damit optisch ablesbare Erinnerungen für den einzelnen und für die sozialen Gruppen. Sie schafft Sesshaftigkeit und erleichtert soziale Interaktion. Eine gut erhaltene bauliche Umwelt gibt den Menschen das Gefühl, daß auch für sie mitgedacht wird, für sie als Bewohner und Nutzer. Während der Wende sagte Pastor Schorlemmer, Wittenberg: “Wo Häuser verkommen, da verkommen auch Menschen”. So war und ist es ein wichtiges politisches Ziel, mit den Gebäuden auch die Mitmenschen wieder aufzurichten. Die gebaute Umgebung des Menschen erzählt Geschichten und liefert Bausteine des Gedächtnisses. Die große Geschichte ist eine Abfolge von Generationen. Die eigene Geschichte aber, die einer Generation, geschieht oft im Leben mit dem Denkmal. Das Denkmal verbindet beides und macht Geschichte persönlich lesbar, als Vermittler zwischen den Generationen.
An ein Baudenkmal bestehen emotionale Bindungen: bei den Bewohnern, den Erben und den Erwerbern. Denn wer ein Haus restauriert, der will bleiben.
So gibt das erhaltende Tun Ziele und damit Zuversicht. Denkmalpflege fördert die Dialogbereitschaft, sie schafft Nachbarschaften und gibt im besten Sinne Heimat. Sie trägt bei zur Erziehung der Sinne, zur vielfältigen Wahrnehmung, also zum Reichtum der Seele für jeden einzelnen, sie hält Kreativität lebendig. Für junge Leute ist ein Baudenkmal ein höchst individueller Erlebnisraum, für Alte oft ein „ruhiger Ankerplatz“.


4. Denkmalpflege schafft Standortqualität.

Jede erfolgreiche Stadtwerbung beginnt mit der Darlegung der Geschichte der Baudenkmale und der geschichtlich geprägten Individualität eines Ortes. Dies ist die simple Konsequenz aus der Realität, daß Städte nicht „Waren von der Stange“ sind, sondern individuelle Gebilde. Diese Standortqualität betrifft sowohl die Bewohnerinnen und Bewohner eines Ortes als auch seine Besucher. Sicher wird hier immer zuerst an den Tourismus gedacht, denn schließlich lebt in Europa jeder zehnte Mensch vom Tourismus, und der Fremdenverkehr wird in den kommenden zehn Jahren zu den drei Bereichen gehören, welche die Weltwirtschaft am meisten stimulieren werden. Denkmalpflege kann mit den für den Tourismus Verantwortlichen zwar zusammenarbeiten, sie muß aber auch eine kritische Distanz bewahren. Nur wenn sie bei allem Interesse an Baudenkmalen auch auf deren Verletzlichkeit hinweist, vor ihrer Abnutzung warnt (z.B. bei Schlössern, Burgen, Klöstern und Ruinen), kann sie den Sinn für das Einmalige und Respekt Fordernde solcher Baudenkmale wecken, also das Verantwortungsgefühl stärken.
Eine Altstadt ist aber nicht nur “City” für Touristen, wenngleich 30 Prozent aller Touristen auch Städtetouristen sind. Sie muß bewohnt und bewohnbar bleiben für die Bürgerinnen und Bürger. Hier sind die Förderungsprogramme des städtebaulichen Denkmalschutzes ein geeignetes Mittel.
Viele Baudenkmale können hier auch durch neue Nutzungen ein langfristiges Überleben erhalten. Der “Erlebnisraum Stadt” rundet ein Kulturangebot ab. Dies gilt auch und gerade für kleinere Orte ohne Zentralfunktionen. Überall in Wirtschaft und Verwaltung herrscht heute Dekonzentration vor. Dies sind Chancen für zentrumsunabhängige Entwicklungen. Denn die Kultur folgt heute nicht mehr der Wirtschaft, sondern umgekehrt: Der kreative Kopf bringt seinen Standort mit.


5. Denkmalpflege fördert die mittelständische Wirtschaft.

Von der Arbeit an der Pflege eines Baudenkmales entfallen ca. 90 Prozent auf die Leistungen von Handwerkern. Die Arbeit auf diesem Feld bringt durch ihre Praxisnähe und Eigenverantwortung eine hohe Identifikation mit sich. Bei Entscheidungen hat das Handwerk sehr flexible Reaktionsmöglichkeiten, da es ohne große Hierarchiestufen arbeitet.
Baudenkmale sind für alle am Bau Tätigen ein wichtiges Erfahrungspotential, das aus seiner Geschichtlichkeit die Lang-zeiterkenntnis von Technologien einbringt. Daher braucht das Bauwesen diese Erfahrung aus der Denkmalpflege. Sie ist für alle ein wichtiger Informant auch für die Zukunft der eigenen Technologien. Gerade in den neuen Bundesländern läßt die noch erhaltene Bausubstanz die Besonderheiten vieler historischer Materialien und Methoden erkennen und erforschen, um daraus für das Bewahren für die Zukunft zu lernen.
Es gilt also, die dem Alterswert erhaltener Materialien innewohnenden Werte wieder ins Blickfeld zu rücken. Dies ist gerade in einer Zeit wichtig, in der bisweilen nur der optische Neuwert des äußeren Erscheinungsbildes gesehen wird. Denkmal pflege aber ist nicht Kosmetik, sondern Heilung.
Deshalb sind auch Fortbildungszentren für Handwerker und gute Ausbildungsstätten für Restauratoren eine von allen gesehene Notwendigkeit, um Denkmale nicht den Dilettanten zu überantworten.
Von den drei Millionen Arbeitsplätzen, die in den alten Bundesländern in den vergangenen zehn Jahren neu geschaffen wurden, betrafen über 90 Prozent Betriebe mit unter hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Alle wichtigen Denkmalpflege-Investitionen kommen aus diesem Bereich.


6. Denkmalpflege verhindert kostenträchtige Fehlinvestitionen.

Denkmalpfleger beraten ihre Kunden, um zu helfen, Fehler zu vermeiden. Sie sind aus intensiver Kenntnis der Baudenkmale gleichsam deren “Hausärzte” und helfen, für jedes Objekt die angemessenste und kostengünstigste Lösung zu finden. Denn es ist immer billiger, von Anfang an fehlerfrei zu fertigen. Dies ist vor allem bei kleineren, weil überschaubaren Einheiten möglich.
Baudenkmale entziehen sich in der Regel auch den üblichen Mechanismen der Bodenspekulation, da sie Bindungen im öffentlichen Interesse zum Inhalt haben und fortschreiben.
Zwei Beispiele: Die Rathausneubauten in Engelskirchen (Nordrhein Westfalen) und Grevesmühlen (Mecklenburg-Vorpommern) entstanden in Altbauten, in einem Fabrikgebäude und in einer ehemaligen Mälzerei. Durch Phantasie konnten Doppelinvestitionen vermieden werden, konnten Baudenkmale gerettet und sehr individuelle Selbstdarstellungen der Gemeinde erreicht werden, die die Bürger neugierig machten.
Es geht im Bereich der Denkmalpflege immer wieder um Fehlervermeidungsinvestitionen, die im Verhältnis zu den oft gewaltigen Fehlerbeseitigungskosten vieler Bauten der jüngeren Vergangenheit verschwindend erscheinen. Nach diesen durchforste man einmal die öffentlichen Haushalte, und man wird sehen, wie sehr sich die Waagschale zugunsten einer aktiven und politisch unterstützten Denkmalpflege neigt. So sichert Denkmalpflege die öffentlich sichtbaren Maßstäbe zur Selbstkritik im Bauwesen, so kann sie schulbildend wirken, gleichsam als “Bau Schule der Nation” (Walter Bunsmann).
Wichtig ist immer die Methode in drei Schritten, wobei vor jeder Analyse die Kenntnis der Vorgeschichte liegt, also die ganze Vergangenheit eines Objektes vor Beginn der Maßnahmen. Daraus ergeben sich die individuellen Lösungen je nach Art des Baudenkmals, und mögliche Fehler können schon früh ausgeschaltet werden. Hier kann Denkmalpflege helfen, dem bisweilen überzogenen Normdenken entgegenzutreten, aus dem so viele kostentreibende Faktoren entstehen.


7. Denkmalpflege stützt Sparsamkeitsdenken.

Um es noch einmal zu sagen: Denkmalpflegemittel sind Investitionen zur Vermeidung von Folgekosten. Sie tragen zu einer möglichst synergetischen Wirkung von wirtschaftlichen und finanziellen Aufwendungen bei. Sie halten die Kenntnis der natürlichen Baustoffe wach, die sich oft über Jahrhunderte bewährt haben. Sie fördern Qualitätsbewußtsein, vor allem durch die individuelle Arbeit mit ihren maßgeschneiderten Ergebnissen. In einer Verschleiß und Wegwerfgesellschaft stützen sie die Kenntnisse des Dauerhaften. Alte Häuser haben viel Charme und sind oft so solide gebaut, daß sich der Aufwand für eine Sanierung langfristig immer lohnt. Informationen über denkmalverträgliche kostensparende Technologien bieten eine solide Grundlage zur Vermeidung von nicht wiedergutzumachenden Schäden. So bemühen sich die Denkmalpfleger als Fachleute mit hoher Beratungskompetenz im Sinne der Bürger und Kundennähe um ein kostenbewußtes Verwaltungshandeln. Da Finanzierungskosten wesentliche Teile der Baukosten darstellen, sind dabei Zeitpläne wichtig also auch das rechtzeitige Gespräch mit der Denkmalpflege. Bauvorhaben an Baudenkmalen haben eine konjunkturell ausgleichende Wirkung. Unterhaltungs und Erneuerungsarbeiten fallen periodisch an, werden aber vorzugsweise in Zeiten von Rezessionen ausgeführt, weil dann eine preislich günstigere Durchführung möglich ist (NIKE Studie, Zürich 1994). Das Unterlassen von Bauunterhalt ist leider meist eine der wichtigsten Ursachen für den Verfall von Bauten, und zwar mit hohen späteren Kosten. So ist die Folgerung logisch, Baumittel aus dem Neubaubereich vermehrt umzuschichten für die Instandsetzung historischer Bauten. Dies gilt vor allem für die öffentliche Verwaltung. Schließlich vermindert der Ausbau von Wohnungen in Denkmalen auch das Wohnungsdefizit als eine wichtige flankierende Maßnahme im Wohnungsbau.


8. Denkmalpflege setzt Investitionen frei, ist also wirtschaftsfördernd.

Es ist nachgewiesen, daß jede vom Staat bei der Denkmalpflege investierte Mark mehr als das zehnfache an Privatinvestitionen freisetzt. Die mit der Denkmalpflege verbundenen Steuererleichterungen wirken nach dem “Prinzip der kommunizierenden Röhren" ebenfalls wirtschaftsfördernd und schaffen Steuereinnahmen. Der Markt “Denkmalpflege" ist also attraktiv. Die hier gegebenen Anreize zur Erhaltung und Revitalisierung historischer Städte sind eine unerläßliche Voraussetzung für die Denkmalerhaltung. Bisher greifen diese Instrumente sehr gut; es war der Erfolg der richtigen Idee.
Ganz wichtig dabei sind auch die Maßnahmen der Förderung des Bundes zur Stadtsanierung und zur Erhaltung bedeutender historischer Stadtkerne.
So optimiert Denkmalpflege den gesamtwirtschaftlichen Nutzen. In den alten Bundesländern werden jährlich einige Milliarden im Bereich der Denkmalpflege investiert, in den neuen Bundesländern ist der Bedarf durch jahrzehntelangen Unterhaltungsmangel wesentlich höher. Bei insgesamt ca. 880.000 Denkmalen in Deutschland ergibt sich nach dem Vergleich der NIKE-Untersuchung ein volkswirtschaftliches Durchschnittsvermögen von ca. 280 Mrd. EUR.
Darin sind große Monumentalbauten, Dome, Schlösser und Burgen, noch nicht mit einbegriffen. Um allein den bleibenden Werterhalt einer solchen Substanz sicherzustellen, rechnet man ca. 1,3 Prozent des Gebäudewertes (ohne Landwert) als jährliche Investition. Dies bedeutet also in Deutschland ein jährliches Mindest-investitionsvolumen von ca. 3,5 Mrd. EUR. Im Wechselspiel von Wirkungen und Nebenwirkungen ergeben sich daraus erhebliche Wachstumsimpulse. Der größte Teil dieser Arbeiten geht an lokale und regionale Gewerke und Firmen, schafft also Standortvorteile und Arbeitsplätze.
Über Steuervorteile aus diesen Branchen fließt ein Teil dieser Mittel wieder in die Staatskasse zurück. Die Kosten- und Leistungsrechnung in der Denkmalpflege ist also insgesamt sehr positiv. Die staatlichen Zuschüsse für Baudenkmale bleiben freilich in erschreckender Weise hinter solchen Einnahmen des Staates aus der Denkmalpflege zurück. Mit der Denkmalpflege investiert man in die Zukunft.


9. Denkmalpflege schafft Arbeitsplätze.

Alle an der Erhaltung von Baudenkmalen Tätigen erleben eine sehr befriedigende Erfolgskontrolle mit der Gewißheit, etwas Bleibendes zu schaffen. Hier entstehen viele neue Arbeitsplätze mit einem hohen Selbstverwirklichungsgrad für die Beteiligten. Gerade in den letzten Jahren ist es im Bereich von Denkmalpflege zu einer großen Zahl von Betriebsneugründungen gekommen. Es öffnen sich für die nächste Generation Tätigkeitsfelder mit hoher Attraktivität, vom Bereich des Handwerkes bis hin zu hochkomplizierten, lnnovationsdenken erfordernden Sonderfragen. Im Bereich der historischen, unwiederholbaren, individuell gebauten Umwelt kann eine dynamische Kollektivintelligenz geschaffen und optimiert werden. Hier sind Freiräume für unternehmerische Initiativen. Auch dies ist ein Beitrag gegen die Arbeitslosigkeit, “die brennende Wunde in unserer Wohlstandsgesellschaft” (Roman Herzog).
Allein die Notwendigkeit zerstörungsfreier Untersuchungsmethoden in der Denkmalpflege wird Technik Innovationen und neue Arbeitsfelder mit sich bringen. Für viele Produkte und historische Produktionsformen ergeben sich ebenfalls neue Märkte; hier produzieren Denkmale gleichsam für Denkmale. Der Markt der Denkmalpflege zieht solche Betriebe an und schafft eine standortbegünstigende Branchenmischung mit höchst spezialisierten, krisensicheren Arbeitsplätzen. Denkmalpflege schafft also Arbeitsplätze, die für die Zukunft gerüstet sind.


10. Denkmalpflege fördert verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen der Gesellschaft.

Denkmalpflegerisches Denken reicht über das Heute hinaus. Es geht um Sorge, Vorsorge, Nach sorge und angemessene Wartung, kurz um behutsames Erhalten und Pflegen im besten Sinne. Wie in der Medizin geht es also nicht um Kosmetik, sondern um Heilung.
Der Wert eines Baudenkmales besteht über den künstlerischen und historischen Wert hinaus aus ganz materiellen Werten. Ja, der kulturelle Wert ist ein eminent materieller Wert in sich selbst. Das historische Original ist die Befragungsquelle für fast alle Fragestellungen der Gesellschaft, Kunst und Wissenschaft. Die Kopie aber ist nur ein äußeres Abbild unter Auslöschung aller dieser Aussagen. Sie ist nur ein Ersatz, ein Surrogat.
Denkmalpflege arbeitet also mit den nichtreproduzierbaren Ressourcen unserer Gesellschaft. Wer ein altes Haus saniert, der kann damit auch etwas zur Schonung unserer Umwelt tun. Denn oftmals sind die besten Dinge ganz einfach. Das Reparieren mit den natürlichen historischen Stoffen, Materialien und Techniken ist umweltschonender als ständiger Ersatz und Wegwerfen. Heutige Ersatzstoffe sind meist wesentlich energieverbrauchender in der Herstellung, Wartung und Entsorgung als die historischen Baumaterialien.
Die Erforschung der Umweltschäden bei Baudenkmalen führt darüber hinaus zur Kenntnis von präventiven Strategien im gesamten Bauwesen überhaupt. Hier ist auch ein Tätigkeitsfeld für Instandsetzungsprogramme zur Sicherung preiswerten Wohnungsbestandes.


11. Denkmalpflege trägt zur Stützung des kritischen Bewußtseins der Bürgerinnen und Bürger bei. Das Wissen um den ideellen Wert zeigt sich schon daran, daß Verkaufsanzeigen stets diese Besonderheit bei Baudenkmalen herausstellen. Sie appellieren damit an ein entsprechendes Empfinden bei dem Kunden. Das Geschichtliche kommt also einem Qualitätsdenken entgegen. Gerade hier zeigt sich, daß Kultur wesentlich mehr ist als nur ein “hübsches Salatblatt im Menü”.
Denkmalpflege ist Arbeit an einem sehr lebendigen Wesen von gestern für heute und morgen. Es geht nicht um das “abgelegte Chaos der erledigten Dinge”, sondern um ein lebendiges Erbe als Verpflichtung. Und es geht schließlich auch ganz schlicht um Freude, um Genuß und um Bejahung. Nur wer bejaht, kann auch kritisieren, da er Hoffnung hat und Hoffnung vermitteln kann.
Denkmalpflege erhält Objekte des Gedächtnisses des einzelnen und der Gesellschaft. Sie trägt also mit bei zur Stärkung eines an der Geschichte geschulten historischen Bewußtseins. Sie schärft Erinnerungsfähigkeit, hilft mit, die Manipulierbarkeit des Menschen und der Gesellschaft zu verhindern. Denn wer Erinnerung auslöscht, der will immer die Menschen manipulieren. Geschichte ist den Menschen nur dann zu vermitteln, wenn sie mit persönlicher Lebenserinnerung verbunden ist, wobei den Zeugnissen dieser Erinnerung, also den Denkmalen und der historischen Umgebung, eine besondere Rolle zukommt.
Denkmalpflege stärkt auch das Selbsthilfepotential. Es wäre sträflich, dieses brachliegen zu lassen. Hier findet man überall ein hohes Engagement, ein großes Maß an Kreativität und den Willen, vorhandene Freiräume zu nutzen und Lebenssituationen aus eigener Kraft zu gestalten. Wie in kaum einem anderen Bereich gibt es hier Initiativen, Vereine und Förderkreise, die begriffen haben, dass es um wichtige Kernfragen der Zukunft geht. Sie sind nicht nur kritisierend, sondern meist mit eigener Kraft tätig. Daher auch das erstaunlich hohe Maß, sich finanziell als Stifter, Spender oder als Mäzene zu betätigen. Die Arbeit in diesem Feld hilft also, gegen die Anonymität der Masse Mensch zu einem positiv engagierten, kritischen, im besten Sinne aufgeklärten Bewusstsein zu führen, also allen Entscheidungsträgern und Politikern die Gesprächspartner zu geben, die sie als Dialogpartner in kritischer Solidarität brauchen. Was gäbe es also Zeitgemäßeres?


12. Denkmalpflege dient der Stärkung des sozialen Friedens.

Im Erkennen des kulturellen Eigenwertes einer gesellschaftlichen Gruppe, der Bewohnerschaft einer Stadt oder einer Region schärft die Denkmalpflege sektorale Identifikationen, die als eine Verpflichtung auch zur Toleranz im Kulturbereich erziehen können. Nur das Erkennen und Pflegen des akzeptierten kulturellen Eigenwertes schafft die Möglichkeit, auch die kulturelle Identität des anderen zu akzeptieren. Gerade in Zeiten der Auflösung großer politischer, zentralistischer Einheiten ist dies von hoher gesamtpolitischer Bedeutung in der Welt. In einem vereinten Europa wird diese Rolle der Regionen immer wichtiger werden. Die Identität einer Nation wird nachhaltig von einer geistigen Bindung geprägt, die in eine gemeinsame Kultur mündet. “Ein Europa, das in Jahrzehnten auf vielen Ruinen erbaut worden ist, verlangt ein klares Bekenntnis” (François Mitterrand in Berlin am 8.Mai 1995). ... Über den unschätzbaren kulturellen Wert hinaus vermittelt das bauliche Erbe Europas in seiner Vielfalt seinen Völkern das Bewußtsein einer gemeinsamen Geschichte und Bestimmung.
Auch innenpolitisch schafft Denkmalpflege im Verbund mit sozial ausgewogener Stadterneuerungspolitik einen Beitrag zum Ausgleich sozialer Probleme. Denkmalpflege schafft Sesshaftigkeit. Sozialer Friede ist ein wichtiger Wirtschafts und Standortfaktor.